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Freitag, 16. Mai 2014

„Höchste Zeit, um auf unser Gehirn zu achten“




 


Der Psychologe und Psychiater Prof. Manfred Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen des Psychiatrischen Universitätsklinikums in Ulm. Er ist Referent beim Symposium turmdersinne mit dem Titel „Das soziale Gehirn“, das vom 26. bis 28. September 2014 in Fürth stattfindet. Helmut Fink hat sich mit Manfred Spitzer unterhalten.


Helmut Fink: Sie haben Anfang 2013 ein Buch mit dem Titel „Das (un)soziale Gehirn“ herausgebracht. Wofür ist der Mensch neuronal besser ausgestattet: für soziales oder für unsoziales Verhalten?

Manfred Spitzer: Ganz eindeutig für soziales Verhalten! Diese Antwort wird viele Menschen überraschen, aber sie ist letztlich gar kein Ergebnis der Neurowissenschaft, sondern der Sozialforschung: Eine Gesellschaft mit überwiegend unsozialen oder gar kriminellen Elementen ist gar nicht möglich! Umgekehrt gilt, dass kriminelle Elemente in einer Gesellschaft im Grunde nur vor dem Hintergrund der Tatsache überhaupt möglich sind, dass die meisten Menschen nicht kriminell sind. Die Gehirnforschung hat insofern zu diesen Erkenntnissen beigetragen, als wir heute genauer wissen, wie tief unser Empfinden für Fairness, Empathie, Vertrauensbildung und Gemeinschaft überhaupt in unserem Gehirn verwurzelt ist.

Geben uns die Neurowissenschaften Hinweise, wie die menschliche Fähigkeit zur Empathie über das soziale „Nahfeld“, d.h. über die eigene Kleingruppe hinaus, am besten gefördert werden kann?

Die Neurowissenschaften machen auf jeden Fall klar, dass es zum einen Empathie gibt, d.h. das unmittelbare Einfühlen in das Erleben eines anderen Menschen. Wenn ich selbst Schmerzen erlebe, wird mein Schmerzzentrum aktiviert. Wenn ich sehe, wie jemand anderes Schmerzen erlebt, wird mein Schmerzzentrum ebenfalls aktiviert, nur nicht ganz so stark. Moduliert wird die Aktivierung noch durch mein Verhältnis zu dieser anderen Person: Ist es mein Freund, geht mein Schmerzzentrum stärker an, ist es mein Feind, geht mein Schmerzzentrum gar nicht an oder reduziert sich sogar in der Aktivität. Dieser Unterschied wiederum ist bei Männern größer als bei Frauen, wird also seinerseits nochmals durch das Geschlecht moduliert. Weiterhin wissen wir, dass Menschen prinzipiell zwischen Mitgliedern „ihrer eigenen Gruppe“ und „den anderen“ unterscheiden. Im englischen heißt die Unterscheidung „in group“ versus „out group“. So führt beispielsweise das Hormon Oxytocin zu mehr Empathie gegenüber der „in group“, gleichzeitig jedoch auch zu mehr Vorurteilen gegenüber der „out group“. Es ist damit keineswegs nur das „Kuschel-“ bzw. „Bindungshormon“, es ist auch das Hormon, das Vorurteile gegenüber anderen fördert. Je besser wir all diese Mechanismen verstehen, desto besser wird es uns künftig hoffentlich gelingen, unsere menschliche Gesellschaft so weiter zu entwickeln, dass wir ohne blutige Konflikte über die Runden kommen werden.

Gibt es Befunde, dass in sozial homogenen oder kollektivistischen Gesellschaften andere Hirnstrukturen ausgeprägt oder „trainiert“ werden als in inhomogenen oder individualistischen Gesellschaften?

Befunde genau zu dieser Frage liegen mir nicht vor. Erste Studien, die Unterschiede in der Gehirnaktivierung, aber auch in der Größe bestimmter Gehirnstrukturen zeigen, die mit politischer Einstellung verknüpft sind, gibt es jedoch bereits. Überhaupt gilt allgemein, dass das Gehirn mit den Aufgaben wächst und dass es daher gar nicht ausbleiben kann, dass sich im Gehirn die bestimmten Verhaltensnormen von Gesellschaften auch entsprechend niederschlagen. Aus meiner Sicht ist es daher nur noch eine Frage der Zeit, bis wir Ihre Frage werden beantworten werden können.

Der Blick ins Gehirn sozialer Außenseiter wie Autisten, Psychopathen und Depressive zeigt spezifische Anomalien. Wo sehen Sie die größten Fortschritte für mögliche Therapien?

Langfristig bringt das Verständnis der Mechanismen pathologischer Vorgänge letztlich immer das Potenzial mit sich, praktisch angewendet zu werden und damit zur Heilung beizutragen. Ich warne jedoch all diejenigen, die glauben, dass man sehr schnell vorankommen könnte. Nehmen wir ein Beispiel: Beim Morbus Huntington, einer neurologischen Erkrankung, kennen wir seit 30 Jahren die Genetik, seit 20 Jahren das Produkt der entsprechenden Gene und sind dennoch therapeutisch noch keinen Schritt weiter. Im Hinblick auf die Genetik (von bestimmten zu viel oder zu wenig produzierten Proteinen ganz zu schweigen) sind wir bei den von Ihnen genannten Störungsbildern noch nicht so weit, wie bei Morbus Huntington vor 30 Jahren. Das mag pessimistisch klingen, ist jedoch ganz einfach realistisch. Andererseits glaube ich von ganzem Herzen, dass wir bereits heute durch den naturwissenschaftlichen Ansatz auch im Bereich der Psychiatrie wesentliche Fortschritte gemacht haben. Betrachten wir das Beispiel Depression: Wir wissen heute, dass stressbedingt im Hippocampus Nervenzellen absterben und dass antidepressiv wirksame Medikamente zu einem vermehrten Nachwachsen genau dieser Nervenzellen führen. Damit wird nicht nur erklärt, warum die Wirksamkeit der antidepressiven Therapie einige Wochen auf sich warten lässt, sondern man hat auch ein ganz klares Krankheitsmodell, das äußerst praktisch relevant ist: Auch wenn den Depressiven sehr viele praktische Probleme plagen, ist es zunächst einmal wichtig, für „neue Hardware“ (Wachstum von Neuronen) zu sorgen, um den Patienten überhaupt in die Lage zu versetzen, dann seine Probleme anzugehen. Früher dachte man, man müsse sofort mit psychotherapeutischen Interventionen beginnen und dies ist nach heutigem Wissen schlicht falsch.

Sehen bei Eingriffen in die Psyche, die am Gehirn ansetzen, also etwa Neuropharmaka, die Gefahr eines Optimierungswettlaufs, dem man sich kaum mehr entziehen kann? Brauchen wir bald eine Initiative „Mein Gehirn gehört mir“?

Unser Gehirn ist von der Natur im Grunde genommen schon optimiert und es ist an uns, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Potenziale, die in jedem Menschen stecken, optimal gefördert werden. Die Vergangenheit zeigt, dass simplifizierende Optimierungsschnellschüsse nichts bringen, weder für den Körper noch für den Geist. Die Initiative „Mein Gehirn gehört mir“ brauchen wir dennoch, denn es besteht die Gefahr, dass die Firmen der Informationstechnik wie Google, Facebook und viele andere immer mehr unser geistiges Leben bestimmen. Der Einfluss geht nicht über Medikamente oder elektromagnetische Wechselwirkungen, sondern vielmehr schlicht und ergreifend über die Erfahrung, die jeder Mensch macht, den ganzen Tag. Dies ist nach allem, was wir heute wissen, die wichtigste Determinante der Gehirnentwicklung und es wird höchste Zeit, dass wir wieder mehr darauf achten, dass unser Gehirn auch tatsächlich uns gehört.

Die „sozialen Netzwerke“ sind heute zwar virtuell, können aber zur leichteren Verabredung im realen Leben genutzt werden. Haben Sie Hoffnung auf eine sozial produktive Entwicklung im Umgang mit der digitalen Technik?

Die von Ihnen angesprochenen online sozialen Netzwerke wirken sich ungünstig auf das Erleben und das Sozialverhalten der Menschen aus, wie eine Reihe von Studien aus jüngerer und jüngster Zeit eindeutig zeigen: Facebook macht unglücklich, einsam und depressiv. Keineswegs werden die Menschen durch digitale Informationstechnik sozialer, sie werden vielmehr unsozialer, wie beispielsweise auch eine große Längsschnittstudie zur Bildschirmmediennutzung von Jugendlichen und deren Empathie gegenüber Eltern und Freunden gezeigt hat: Je mehr Bildschirmmediennutzung, desto weniger Empathie. Wie gerade eben schon gesagt, braucht es tatsächlich eine Initiative für mehr mentale Eigenständigkeit und gegen die Schwächung unserer mentalen Stärke durch digitale Medien. Wenn ich dies anmerken darf: Ich habe vor, in diesem Jahr eine Stiftung für mentale Stärke zu gründen, die genau dies zum Anliegen hat.

Programm, Information und Online-Anmeldung zum Symposium turmdersinne hier.